Erinnerungen

Mittwoch, 23. Juli 2008

Liebe Oma,

vor zehn Jahren und ein paar Tagen hast Du uns verlassen. Nicht einfach so, nein. Du hast dich lange gequält und durftest dabei nicht einmal richtig, wirklich alt werden. Die Osteoporose hatte deine Knochen zermahlen, der Krebs deine Organe zerfessen. Solange ich zurückdenken kann, warst Du meine kranke Oma. So krank, dass Du die Oma warst, die nicht laufen konnte. Dass Du Monate im Krankenhaus verbracht hast und ich dich jeden Tag mit Mama besuchen fuhr. Weil Du Heimweh hattest, in einem Krankenhaus so weit weg von zuhause.

Du warst eine echte Ruhrpott-Pflanze. Bis Du krank wurdest, warst Du nie über die Grenzen des Reviers hinausgekommen. Bei Dir war für mich immer Ruhrgebiet. Das Mietshaus, schwarz vor Kohlenstaub, in dem du wohntest. Der Wäscheplatz vor der Tür auf dem ich mit M Fußball spielte und der tolle Spielplatz hinter der Siedlung, wo wir so herrliche Buden bauen konnten.

Du hattest immer Glasflaschen mit Kakao im Kühlschrank, die mit dem Aludeckel drauf und die süße Limo in den weichen Flaschen mit Drehverschluss. Kein Geld, aber immer ne Mark über für die Enkel, damit wir „anne Bude“ rennen konnten. Kein Geld, noch nie gehabt. Und trotzdem fünf Kinder großgezogen. Opa war Bergmann. Und Trinker. Du hast ihn gepflegt bis zum Tod. Das war kurz nachdem ich geboren wurde. Dann wurdest Du selbst krank.

Du warst der Mittelpunkt der Familie. Wie schön waren die Familienfest, wo alle bei dir im kleinen Wohnzimmer saßen. Dicht gedrängt um die Tische. Der Wohnzimmertisch war so einer zum hochkurbeln, echt Gelsenkirchener Barock. Es gab immer lecker Kuchen, zum Abendessen Kartoffelsalat mit Würstchen. Dazwischen und danach standen immer diese Kristallschalen mit den einzelnen Fächern und so Etageren auf dem Tisch. Haribo Colorado, Schoghetten, Chips und Flips soweit mein Kinderauge reichte. Mehr als einmal habe ich mich dabei kräftig überfressen…

Hören konntest Du nicht gut, eigentlich fast gar nichts. Deswegen war es immer sehr laut auf diesen Festen. jeder versuchte lauter zu reden, als der andere. Bis es knackte in den Ohren. Wir machen das noch heute so, obwohl ja mittlerweile alle am Tisch gut hören können.

Hausarbeit hast Du gehasst wie die Pest. Waschmaschinen gingen bei dir schneller kaputt als bei anderen Leuten Glühbirnen. Trotzdem hast du auf mich aufgepasst, als Mama mal ins Krankenhaus muss und Papa keinen Urlaub nehmen konnte. Da war ich, glaube ich, ungefähr fünf. Laufen konntest Du schon nur noch ganz schlecht. Ich weiß noch wie wir zusammen gespült haben. Ich habe abgetrocknet, Du saßest auf einem Stuhl am Spülbecken und kamst gerade so mit den Händen ans Wasser. Du hast mir auch eingeredet Caro-Kaffee müsste mit Milch angerührt werden, obwohl ich genau wusste, dass das nicht stimmt. Ich hatte Recht, aber in er Milch schwammen dann so leckere schwarze Klumpen, die nach Lakritz schmeckten. Wie gesagt, Haushalt war einfach nicht dein Ding.

Tennis war dein Ding. Das hast Du gerne gesehen. Und Computerspielen war auch dein Ding. Jeden Abend, wenn P. nach Hause kam, hat er mit Dir gespielt am Amiga. Sportspiele haben Dir Spaß gemacht. Hat mir nie einer geglaubt in der Grundschule, dass meine Oma gerne mit dem Joystick daddelt.

Du warst außerdem die Oma ohne Zähne. Dein Gebiss passte Dir nie, also zogst du es nie an. Dadurch konntest Du Dir mit der Zunge die Nasenspitze lecken. Das war der Knüller. Und deine Küsse waren immer ganz weich und faltig.

Es gibt ein Foto von Dir, Mama und mir. Wie die Orgelpfeifen stehen wir da: Du sehr klein und sehr dick, Mama etwas klein und dick, ich klein, aber größer als ihr, und damals noch sehr schlank. Ich weiß also, wie meine Zukunft aussieht. Und ich freue mich darauf, solange ich dabei ein so gutes Herz behalte wie Du. Du warst immer meine Knuddeloma. Ich vermisse Dich.

Samstag, 26. April 2008

Das doppelte Liebchen

Schon meine Oma nannte mich so und auch meine Tante begrüßte mich eben am Telefon mit "Hallo Liebchen!" Mir gefällt das, ich muss dabei immer an das Feinsliebchen denken aus dem Lied "Horch was kommt von draußen rein".*

Meine Mutter fand die Bezeichnung allerdings erst gar nicht amüsant. Sie war sogar ernsthaft erbost als die ersten Verwandten väterlicherseits, die alle aus dem Aachener Raum stammen, mich so nannten. Im Ruhrgebiet ist Liebchen nämlich nur bedingt eine ehrenvolle Bezeichnung.

*Das Lied kennt wahrscheinlich da draußen niemand mehr. Aber mein Onkel, der Mann eben jener Tante, mit der ich heute telefonierte, brachte mir bei, dieses Lied und viele andere auf der Blockflöte zu spielen. Noch eine Liebchen-Verbindung also.

Samstag, 9. Februar 2008

Marcel: Rauhe Schale, weicher Kern

Ohhh, ich hatte auch so einen Rabauken-Freund aus "schlechtem Hause", so wie die Kaltmamsell. Die Lehrerin in der dritten Klasse hatte ihn neben mich gesetzt, nachdem die vorherige Klassenlehrerin ihn immer an den Katzentisch verbannt hatte. Wir haben uns gut verstanden und wenn mich, die allerwinzigste in der Klasse, jemand auf dem Schulhof anrempelte, war er sofort da und rief: "Hey, lass die Kleine in Ruhe!"

Hab ich kein Herz, dann hab ich zwei

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